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1/1998 |
| Lotse oder Lao-tse? Vor 150 Jahren erschien das »Manifest der Kommunistischen Partei« |
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Das Manifest war unsre Bibel, auf die wir schwören liessen. (Roland Daniels, Köln, an Karl Marx, London, am 19. Juli 1850) Ob säkular verkleidete religiöse Metaphern wie »Marxismus als wandernde Werkstatt« (W. F. Haug; wer denkt da nicht an »die pilgernde Kirche« und Marx als »Paulus der Arbeiterbewegung«?) zur Bewältigung des Äffischen in der Aneignung seit 1848 beitragen, muß bezweifelt werden. - Im Februar 1848 erscheint in J. C. Burghards Londoner Office der »Bildungsgesellschaft für Arbeiter« das »Manifest der Kommunistischen Partei«. Das Manifest löst die beiden vom Bund der Gerechten übernommenen Programmschriften aus den Diskussionen seit 1836 ab, »Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte« und »Garantien der Harmonie und Freiheit«. Das Manifest von 1848 formuliert das Ergebnis der mehrjährigen Diskussion im Bund der Kommunisten in Paris und in London seit 1840, in deren Verlauf die zahlreichen gängigen sozialistischen Theorien und kommunitaristischen Projekte gesichtet, gewogen und als zu leicht befunden worden waren. Daß in diese Diskussion auch Ideen von Feuerbach und Heß Eingang gefunden hatten, ist Indiz für die Nähe der Arbeiterkommunisten zu den radikalen Philosophen in Deutschland. Autoren aus diesem Kreis, die seit geraumer Zeit in intensivem Gedankenaustausch mit dem Bund der Kommunisten gestanden hatten, Marx und Engels, erhalten von dessen Bundeskongreß Anfang Dezember 1847 den Auftrag, auf der Grundlage des erreichten Diskussionsstandes das erste Manifest der Kommunisten zu verfassen. Nach Artikel 36 des neuen Statuts (vgl. Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien in drei Bänden, Dietz Verlag Berlin (DDR) Band 1, 1983, S. 629), soll es künftig jedes Jahr nach jeder Session des Kongresses ein Manifest geben. Doch das Manifest des Jahres 1848 findet der revolutionären Entwicklung wegen keine Nachfolger, mutiert so zur Programmschrift des Bundes der Kommunisten und spielt eine wichtige Rolle sowohl bei dem Versuch der Rettung und Transformierung des Bundes nach dem Scheitern der Revolution wie beim Wiederanknüpfen an die revolutionäre Organisationstätigkeit nach der Selbstauflösung des Bundes 1852 auf dem Weg zur Erfurter Partei. 1847 aber ist das Manifest Auftragsarbeit, so alltäglich und profan, daß die Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten London in einem Beschluß vom 24. Januar 1848 »die Kreisbehörde Brüssel (beauftragt), dem K. Marx anzuzeigen, daß, wenn das »Manifest der K. Partei«, dessen Abfassung er auf letztem Kongreß übernommen, nicht bis Dienstag, 1. Februar d.J., in London angekommen ist, weitere Maßregeln gegen ihn ergriffen werden«. (a.a.O., S. 654) K. Marx schickt ein Manuskript, in dem er die Ergebnisse seiner Arbeitsbiographie auf die Programmdiskussion focussiert; Friedrich Leáner trägt es zum Setzer, Karl Schapper liest Korrektur, die Druckkosten werden wie üblich aus der Gesellschaftskasse des Kommunistischen Arbeiterbildungsvereins in London vorgeschossen, und irgendwann zwischen dem 22. und 29. Februar verläßt ein Text von 23 Seiten die Presse, pünktlich zur Februarrevolution, der zur weitest verbreiteten, wirkungsmächtigsten und meistdiskutierten politischen Programmschrift der bisherigen Geschichte werden sollte. Auch heute lesen alle Marx, drucken alle Marx, veranstalten alle Marx, Marx ist in. Diese Renaissance war vorhersehbar und auch vorausgesagt. Nicht aber, daß die Kapitäne auf der Kommandobrücke der Titanic Kapital sich Marx als Lotsen wünschten, wie es in der Berliner Nachfolgerin der Weltbühne, dem »Blättchen«, heißt. Solcher Indizien sind viele, nicht nur die außerordentlich breite Diskussion des Manifests in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Abdruck der Manifest-Passage über die historische Leistung der Bourgeoisie in der Rubrik »Mit fremden Federn«. Aber Marx dürfte dort weniger als Lotse taugen denn als Lao-tse, als scheinbarer Halt für verunsicherte und ausgelieferte Hexenmeister, die nach einer neuen Formel suchen, die sie in dieser Gesellschaft aber nicht finden werden. Wer Richtungsweisung über das Kapital hinaus sucht, wird sie nicht in erster Linie in den Ergebnissen des Manifests finden, sondern in der beispielhaften Art und Weise, die Lage und Umgebung zu erkunden und Richtung zu suchen, nicht »Taoteking«, nicht »Führung und Kraft aus der Ewigkeit«, sondern historisch die programmatische Ausformung vorbildhafter politischer Praxis.
Den
Text zu lesen nützt dennoch, und sei es nur, um zu wissen, ob das
Manifest nun 23 Seiten umfaßt, wie die einen behaupten, oder
weniger als 50 Seiten, wie andere schreiben. Den Text im eigenen
Bücherschrank griffbereit zu haben, nützt, weil er wie alle
kurzen Texte, siehe als markantestes Beispiel das winzige
Sätzchen der 11. Feuerbachthese, eine lange und wiederholte
Studieranstrengung erfordert. Das Bändchen ist auch für jeden
erschwinglich, auch innerhalb der »engen bundesdeutschen
Grenzen«: Da irrt Thomas Kuczynski (vgl. Das Blättchen 3/98, S. Literaturverzeichnis: - Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei. Grundsätze des Kommunismus, mit der Vorrede von K. Marx und Fr. Engels zur deutschen Ausgabe von 1872 und den Vorreden von Engels zu den deutschen Ausgaben von 1883 und 1890 und zu der englischen Ausgabe von 1888, mit einem Nachwort von Iring Fetscher, Reclam Stuttgart 1969/1989, für 5 Mark - Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien in 3 Bänden, Dietz Berlin (DDR) 1:1970/1983, 2:1982, 3:1983, - Martin Hundt, Wie das »Manifest« entstand, Dietz Verlag Berlin (DDR) 1973 (die anspruchsvollste und instruktivste Einleitung weit und breit; der Autor gehört dem Arbeitskollektiv der o.a. Dokumentenbände zum Bund der Kommunisten an) - Stichwort Sozialismus/Kommunismus in Europäische Enzyklopädie für Philosophie und Wissenschaften, 4 Bände, hrsg. von Hans Jörg Sandkühler, Meiner Hamburg 1990, hier: Band IV, S. 340 bis 359 - Martin Hundt, Das Kommunistische Manifest und die Tätigkeit des Bundes der Kommunisten nach der Revolution von 1848/49, in: 125 Jahre Kommunistisches Manifest und bürgerlich demokratische Revolution von 1848/49. Referate und Diskussionsbeiträge der XXI. Tagung der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR am 21./22. Mai 1973, Akademie Verlag, Berlin (DDR) 1975, S. 131-138 Bordien, Hans Peter |
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