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Kolumbien auf der Suche nach einem Ausweg

»Auch Europa beginnt an diesem Konflikt teilzunehmen« - GEHEIM-Interview mit Juan Antonio Rojas, dem Europa-Sprecher der FARC-EP

GEHEIM: Wie seht die FARC - ganz konkret - die Rolle der USA, insbesondere der US-Armee und der CIA, im Rahmen der sogenannten »Aufstandsbekämpfung« in Kolumbien?

FARC: Die USA sehen Kolumbien und Ganz Lateinamerika als ihren Hinterhof an. Deshalb haben sie ihre Einmischungspolitik permanent ausgeübt, indem sie die Bodenschätzen plünderten, antidemokratische und faschistische Regime einsetzten sowie mit ihrer Hilfe für die Armeen. Momentan wird ihre Intervention deutlich durch die Wirtschaftshilfe für die kolumbianische Armee sowie durch die Militärberater. 300 befinden sich zur Zeit in Stützpunkten von Tolemaida, Tres Esquinas y Barrancón. Dort bilden sie die Anti-Drogen-Bataillone aus. Da aber die Bauern keine Waffen besitzen, sind sie dafür da, um die Aufstandesbewegung, also das kolumbianische Volk zu bekämpfen.

Sieht die FARC nicht die Gefahr des sogenannten »Vietnam-Effektes«, das heißt der systematischen und schrittweisen Steigerung der US-Intervention in Kolumbien bis hin zur Entsendung großer Kontingente der Yankee-Marines?

Ein Konflikt in Kolumbien wirkt sich auf die gesamte Region aus. Wie können die Gringos intervenieren? Wir wissen es nicht. Sie haben mit den Regierungen aus diesem Bereich gesprochen, um eine interkontinentale Interventions-Streitmacht zu bilden. Das wäre für sie die beste Lösung, weil das bedeuten würde, dass wir »Latinos« uns untereinander umbrächten, um dann später die Ergebnisse einzusammeln. Das hat aber nicht funktioniert, eben weil verschiedene Regierungen ihnen eine negativen Bescheid gegeben haben. Aber zeitgleich existieren Militärbasen in Coca und Manta (Ecuador), Iquitos (Peru) und Curazao. Das bedeutet, auch Europa beginnt, an diesem Konflikt teilzunehmen. Man bereitet die Stimmung vor, indem man die Anti-Drogen-Kampagne anlaufen lässt. Das ist der Vorwand, hinter dem sie die Intervention durchführen werden.

Welche Rolle spielen die sogenannten Paramilitärs, die Armee und die Geheimdienste in Kolumbien? Wie sieht deren Verflechtung mit politischer und ökonomische Macht aus? Könnt Ihr in diesem Zusammenhang ganz konkrete Beispiele nennen?

Der »paramilitarismo« ist eine Politik des Staates, er gehört zur Theorie der nationalen Sicherheit, um die internen, die low-intensity-Konflikte zu bekämpfen. In Kolumbien bestehen sie seit den 50er Jahren. Damals sprach man von den »chulavitas«. Das waren Zivilisten, die zusammen mit der Polizei loszogen, um Liberale zu ermorden. In den 60ern hießen sie dann »pájaros«. Dabei handelte es sich um Zivilisten, die mit der mit Polizei und dem DAS, der politischen Polizei Oppositionelle des MRL, des« Movimiento Revolucionario Liberal« umbrachten. Der damalige MRL-Chef Alfonso López Michelsen leitet heute den Partido Liberal Colombiano und die kommunistische Partei. Zur Zeit heißen die Paramilitärs »Autodefensas Unidas de Colombia (AUC)«. Auch sie werden von der Armee ausgebildet, patrouillieren mit ihr und der Polizei, leben in den Militärkasernen und führen gemeinsame Operationen durch. Die kolumbianische Tageszeitung »El Espectador« veröffentlichte am 12. März eine Studie, aus der ganz genau hervorgeht, wie die nordamerikanische Militärhilfe mit der kolumbianischen Armee und den paramilitärs von Carlos Castaño verbunden ist.

Wie sieht die Ausbildung dieser Kräfte durch die CIA und US-Armee aus? Welche Rolle spielt die CIA-Station in der US-Botschaft?

Die kolumbianische Armee wurde an der »School of the Americas« ausgebildet. Die Mehrzahl der wegen Menschenrechtsverletzungen verfolgten Offiziere sind durch diese Schule gegangen.

Permanent anwesende Militärberater werden über die US-Botschaft koordiniert. Es gibt da ein kuriosen Fall. Im vergangenen Jahr war der zweite Kommandant dieser Berater in den Drogenhandel verwickelt. Seine Gattin benutzte das Diplomatengepäck, um Kokain in ihr Land zu schmuggeln.

Wie entwickelt sich die politische und militärische Strategie der FARC angesichts der sich steigernden US-Intervention?

Die FARC antwortet mittels einer politischen Kampagne auf nationaler wie internationaler Ebene. Sie wendet sich an Regierungen, politische Parteien, abgeordnete, Kirchen, Gewerkschaften und Medien. Wir informieren sie über die Einmischung und zeigen ihnen die Notwendigkeit auf, diese zu verhindern. Wenn man uns trotz allem angreift, bleibt uns kein anderer Ausweg, als zu antworten und dafür sind wir vorbereitet: politisch, ideologisch und militärisch.

Gibt es überhaupt noch Chancen für eine politische Lösung und wie sehen die politischen Bedingungen aus, die für die FARC nicht verhandelbar sind?

Ja, es gibt eine Möglichkeit, den Konflikt politisch zu lösen. Die Bedingungen liegen in einer Veränderung der politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen, aus denen die Ursachen des Konfliktes entwachsen; die wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit sowie der Mangel an politischer Demokratie.Nicht verhandelbar die Abgabe der Waffen und die Demobilisierung.

Inwieweit seht Ihr einen Zusammenhang zwischen dem Befreiungskrieg in Kolumbien und der sogenannten »Neuen Weltordnung«?

Die FARC-EP haben während der 36 Jahre ihres politisch-militärischen Daseins für die wirtschaftliche und soziale Befreiung des kolumbianischen Volkes gekämpft. Sie haben versucht einen demokratischen Staat zu schaffen, in dem man für den Sozialismus kämpfen kann, als ein System, das die Probleme der Menschheit löst. Das aktuelle Wirtschaftsmodell verweigert den Kolumbianern und der Welt, diese Ziele zu erreichen. Deshalb ist unser Kampf Bestandteil des Kampfes der Völker gegen das neoliberale Modell, das als Teil der neuen Weltordnung aufgezwungen wird.

Der fundamentale Punkt der Verhandlung ist der wirtschaftliche. Hier haben wir angesetzt und die Erfahrung zeigt, dass das aufgezwungene Modell nichts bringt, weil es sich auf der Achse der wirtschaftlichen Entwicklung bewegt und die Menschen links liegen lässt. So erklärt sich die Misere in ganz Lateinamerika. Eine Lösung bedarf der Menschen, der sozialen Gerechtigkeit.


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