Logo Geheim 3/1998

Über Bewegungs- und Stellungskrieg in Kunst und Wissenschaft der Politik(1)
Texte zur Strategiediskussion (24)

Von Antonio Gramsci (1891-1937)(2)

Motto

»... es ist ein ganz sinnloses Abenteuer, die alte Methode, Fragen des Kampfes im Triumphzug zu lösen, auf die neue historische Periode zu übertragen, die herangebrochen ist.«

(W.I. Uljanov »Lenin«, Rede über Krieg und Frieden vor dem VII. Parteitag der Bolschewiki am 7. März 1918, in: Lenin. Studienausgabe in zwei Bänden, hrsg. von Iring Fetscher, Frankfurt am Main 1970, Band 2, S. 164-184, hier S. 172)

Die Wahrheit ist, daß man die Form des Krieges nicht wählen kann, außer man besitzt von Anfang an eine schlagende Überlegenheit über den Feind, und es ist bekannt, wie viele Verluste die Starrsinnigkeit der Generalstäbe gekostet hat, die nicht einsehen wollten, daß ihnen der Stellungskrieg durch das allgemeine Kräfteverhältnis zwischen den Gegnern aufgezwungen wurde .

Der gleiche Bezug muß in der Kunst und Wissenschaft der Politik hergestellt werden, zumindest, was die entwickelteren Staaten anbetrifft, wo die bürgerliche Gesellschaft eine sehr komplexe und gegen katastrophale Einbrüche des unmittelbaren ökonomischen Elements (Krisen, Depressionen usw.) widerstandsfähige Struktur herausgebildet hat.

Der Überbau der bürgerlichen Gesellschaft ist wie das Grabensystem im modernen Krieg. Ähnlich wie hier, wo ein heftiger Artillerieangriff das ganze gegnerische Verteidigungssystem vernichtet zu haben schien, in Wirklichkeit aber nur die äußere Hülle zerstört hat, so daß die Angreifer sich bei ihrem Angriff und beim Vormarsch einer noch stärkeren Verteidigungslinie gegenüber sahen, geschieht es in der Politik während der großen Wirtschaftskrisen.

Infolge der Krise organisieren sich die angreifenden Truppen keineswegs sofort in Zeit und Raum, und sie sind auch nicht vom Kampfgeist erfüllt; andererseits werden die Angegriffenen nicht demoralisiert und verlassen auch nicht die Verteidigungslinie, selbst wenn sie in Trümmern liegt, und sie verlieren keineswegs das Vertrauen in die eigene Kraft und in die eigenen Zukunft. .

Die Ereignisse von 1917 (.) haben eine entscheidende Wende in der Geschichte von der Kunst und der Wissenschaft von der Politik markiert. (.) Mir scheint. Illitschi hatte verstanden, daß eine Wende vom Bewegungskrieg, der 1917 im Osten erfolgreich war, zum Stellungskrieg, als dem im Westen einzig möglichen, nötig war (.) Dies, so scheint mir, ist die Bedeutung von der Formel der ´Einheitsfront´, . Nur hatte Illitschi nicht die Zeit, seine Formel zu vertiefen, wobei zu bedenken ist, daß er sie nur theoretisch vertiefen konnte, während die Hauptaufgabe national war, nämlich, das Terrain mußte sondiert und die von der bürgerlichen Gesellschaft gebildeten Schützengräben und Befestigungselemente mußten erkundet werden usw.

Im Osten war der Staat alles, die bürgerliche Gesellschaft steckte in ihren Anfängen, und ihre Konturen waren fließend. Im Westen herrschte zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis, und erzitterte der Staat, so entdeckte man sofort die kräftige Struktur der bürgerlichen Gesellschaft. Der Staat war lediglich ein vorgeschobener Schützengraben, hinter denen eine robuste Kette von Befestigungswerken und Kasematten lag, natürlich mehr oder weniger von Staat zu Staat, aber gerade dies erforderte eine eingehende Erkundung im Landesmaßstab. (.)

Es handelt sich also darum, gründlich zu studieren, welches die Elemente der bürgerlichen Gesellschaft sind, die den Verteidigungssystemen im Stellungskrieg entsprechen. »Gründlich« wird mit Absicht gesagt .

1 aus: Antonio Gramsci, Aus den Gefängnisheften, in: ders., Zu Politik, Geschichte und Kultur. Ausgewählte Schriften, aus dem Italienischen übertragen von einem Übersetzerkollektiv, hrsg. von Guido Zamis, Röderberg Verlag, Frankfurt am Main 1986 (Lizenzausgabe von Reclam Leipzig (DDR) 1980), S. 269, 270f, 271, 272f

2 Titel, Motto, Textkomposition und leichte sprachliche Überarbeitung von der Red. (hpb)

Gramsci, Antonio


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