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Fünf Beiträge zu den kommunistischen Jubiläen 1998
Texte zur Strategiediskussion (22)

1. »Es gilt immer noch zu entdecken, daß Brecht einer der ganz großen Hegel-Verarbeiter dieses Jahrhunderts ist.«
Hermann
Klenner, »Alternativeinschätzungen Hegelscher Rechtsphilosophie« (mit einer »Chronologie: Hegels Text der Philosophie im Kontext der Geschichte«), in: Manfred Buhr, Jacques D'Hondt und Hermann Klenner, Aktuelle Vernunft. Drei Studien zur Philosophie Hegels, Akademie Verlag, Berlin (DDR) 1985, Seite 67-137, hier: S. 72, Anm. 6 (als Kommentar zu einem einschlägigen Zitat aus Brechts Meti, der bezeichnenderweise keinen Platz im Brechtrummel '98 hat(te

2. Bertolt Brecht: Der Kommunismus ist das Mittlere
Zum Umsturz aller bestehenden Ordnung aufzurufen
Scheint furchtbar.
Aber das Bestehende ist keine Ordnung.

Zur Gewalt seine Zuflucht nehmen
Scheint böse.
Aber da, was ständig geübt wird, Gewalt ist
Ist es nichts Besonderes.

Der Kommunismus ist nicht das Äußerste
Was nur zu einem kleinen Teil verwirklicht werden kann, sondern
Vor er nicht ganz und gar verwirklicht ist
Gibt es keinen Zustand, der
Selbst von einem Unempfindlichen ertragbar wäre.

Der Kommunismus ist wirklich die Geringste Forderung
Das Allernächstliegende, Mittlere, Vernünftige,
Wer sich gegen ihn stellt, ist nicht ein Andersdenkender
Sondern ein Nichtdenkender oder ein nur Ansichdenkender
Ein Feind des Menschengeschlechtes
Furchtbar
Böse
Unempfindlich
Besonders
Das Äußerste wollend, was selbst zum kleinsten Teil verwirklicht
Die ganze Menschheit ins Verderben stürzte.
(zitiert nach: Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1. Auflage 1981, S. 503/504

3. Schicksale

Der Friedensappell aus Moskau im Februar 1956 an alle Menschen guten Willens wurde von einer Geheimrede übertönt.

Die päpstliche Proklamation der Pflicht zur Revolution aus christlicher Nächstenliebe wurde im Kampf um die Geschlechterliebe unfruchtbar. bertolt brechts dramatische fragen an das bürgerliche eigentum erlagen der bürgerlichen frage nach den eigentümerInnen seiner dramatik.

4. Bertolt Brecht, Arbeitsjournal 11.2.1945: » . ich beschließe, das manifest zu versifizieren, in der art des lukrezischen lehrgedichts, als fleißarbeit, . das manifest ist als pamphlet selbst ein kunstwerk; jedoch scheint es mir möglich, die propagandistische wirkung heute, hundert jahre später, und mit neuer, bewaffneter autorität versehen, durch ein aufheben des pamphletischen charakters, zu erneuern.«

5. Das Manifest

Kriege zertrümmern die Welt und im Trümmerfeld geht ein Gespenst um.
Nicht geboren im Krieg, auch im Frieden gesichtet, seit lange.
Schrecklich den Herrschenden, aber den Kindern der Vorstädte freundlich.
Lugend in ärmlicher Küche kopfschüttelnd in halbleere Speisen.
Abpassend dann die Erschöpften am Gatter der Gruben und Werften
Freunde besuchend im Kerker, passierend dort ohne Passierschein.
Selbst in Kontoren gesehen, selbst gehört in den Hörsälen, zeitweise
Riesige Tanks besteigend und fliegend in tödlichen Bombern.
Redend in vielerlei Sprachen, in allen. Und schweigend in vielen.
Ehrengast in den Elendsquartieren und Furcht der Paläste
Ewig zu bleiben gekommen: sein Name ist Kommunismus.

Viel davon hörtet ihr. Dies aber ist, was die Klassiker sagen.
Lest ihr Geschichte, so lest ihr von Taten enormer Personen;
Ihrem Gestirn, sich erhebend und fallend; vom Zug ihrer Heere;
Oder von Glanz und Zerstörung der Reiche. Den Klassikern aber
Ist die Geschichte zuvörderst Geschichte der Kämpfe von Klassen.
Denn sie sehen in Klassen geteilt und kämpfend die Völker
In ihrem Innern. Patrizier und Ritter, Plebejer und Sklaven
Adlige, Bauern und Handwerker, heute Proletarier und Bourgeois
Halten Sie jeweils den riesigen Haushalt in Gang, der Erzeugung ...

Niemals zuvor war entfesselt ein solcher Rausch der Erzeugung
Wie ihn die Bourgeoisie in der Zeit ihrer Herrschaft entfacht hat
Die die Natur unterwarf, die elektrische schuf und die Dampf-Kraft
Schiffbar machte die Ströme und riesige Weltteile urbar.
Nie zuvor hat die Menschheit geahnt, daß schlummernd im Schoß ihr
Solche Befreiungen waren und solche erzeugenden Kräfte.

So aber hat es sich abgespielt: Hochofen, Webstuhl und Dampfkraft
Wälzte die Manufaktur um, und Zunftwesen nun und feudales
Eigentum wurden zur Fessel der großen Erzeugung der Güter
Und es erhob sich die Bourgeoisie und sprengte die Fesseln,
Freiheit des Wettbewerbs formte den Staatsbau der Bourgeoisklasse.

So also seht ihr, wie hurricangleich Produktivkräfte aufstehn
Und Produktionsweisen, alte, für ewig gehaltne, zertrümmern
Und wie mit Ungestüm die gestern noch dienenden Klassen
Jeden Besitzbrief zerreißen und lachen gealterten Vorrechts.

Auch der Gedanken Flug folgt solchen Stürmen; sie zwingen Gedanken
Nieder zum Grund oder schwenken sie mächtig in andere Flugbahn.
Recht ist nicht Recht mehr, Weisheit nicht weise, alles ist anders.
Heilige Tempel, die tausend Frühlingen trotzten, zerfallen
Lautlos in Staub über Nacht, vom Tritt der Sieger erschüttert
Und in den stehengebliebenen wechseln die Götter ihr Antlitz;
Wundersam gleichen die alten jetzt plötzlich den jetzigen Herrschern.
Große Veränderung wirken neue erzeugende Kräfte.
Tödlich herauf gegen sich, die zur Herrschaft von Stürmen getragen
Sieht nun die Bourgeoisie die gewaltsamen Stürme sich sammeln.

Als diese Klasse mit neuem Besitzbrief nämlich und Vorrecht
Nun erzeugende Kräfte, niemals erahnte, hervorgehext hatte
Glich sie dem Zauberer, der die unterirdischen Mächte
Die er so heraufbeschworen, nicht zu bändigen wußte.
Stauwasser gleich, das die Saaten befruchtet, dann aber nicht haltend
Ganz sie ersäuft, so bedrohn Produktivkräfte, immerfort wachsend
Sie mit dem völligen Untergang. Wie es die Klassiker zeigen...

(zitiert nach: Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1. Auflage, 1981, Seite 911 und Seiten 917 bis 919)


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