Logo Geheim 1/1998

Angeklagt der »geheimdienstlichen Agententätigkeit für eine fremde Macht«
Erklärungen vor Gericht

Deshalb wurden wir am 15.1.98 vom OLG Düsseldorf zu je 7 Monaten Haft, ausgesetzt auf 3 Jahre Bewährung, und je 3.000 DM Geldstrafe verurteilt. Wir haben die Strafe angenommen. Nachfolgend unsere (geringfügig gekürzten) Erklärungen vor Gericht:

Doris Pumphrey, OLG Düsseldorf, 15.1.98

Von 1983 bis zum Ende der DDR gestaltete sich unsere politische Tätigkeit auch in Verbindung mit der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS. Zu dieser Tätigkeit bekennen wir uns. Daß wir heute vor diesem Gericht als Angeklagte stehen, ist die Konsequenz unseres politischen Handelns. Wir möchten zur Anklage Stellung nehmen und unsere politische Motivation darlegen.

Wir sind beide seit unserer Jugend politisch engagiert. Die Widersprüche innerhalb unserer Gesellschaft und der Kalte Krieg haben unsere politische Entwicklung geprägt und uns an die Seite der DDR gebracht. In unserer Verbundenheit mit dem sozialistischen Lager, speziell mit der DDR, unterstützten wir - wie alle anderen DDR-Kundschafter - den Kampf gegen die Kriegsgefahr und gegen den Kalten Krieg, für ein friedliches Zusammenleben der beiden deutschen Staaten, das auch eine bessere Kenntnis des anderen voraussetzt.

Darin waren wir ja nicht alleine. Es gibt genügend Politiker aller Parteien, die über Jahre hinweg eine andere Einstellung zur DDR hatten, die auf unterschiedlichen, aber doch diskreten Wegen Gespräche mit Vertretern der DDR, darunter auch der Staatssicherheit führten, weil sie dies im Sinne einer Verbesserung der Beziehungen zwischen der BRD und der DDR für richtig hielten, die die Kompliziertheit und die Vielschichtigkeit der Verbindungen von DDR und BRD lebten und heute nichts mehr davon wissen wollen. Es erstaunt schon, wie sie zu jeder noch so primitiven Diffamierungskampagne, jene Zeit betreffend, heute schweigen können.

Ich wurde im Geburtsjahr beider deutscher Republiken als letzte von vier Kindern geboren. In meinem Elternhaus lernte ich für meine Überzeugung einzutreten und mich niemals zu verbiegen. In unserer Familie - mein Vater war Pfarrer - erlernte ich soziales Bewußtsein, die Achtung vor anderen und Solidarität.

Ich gehöre der Generation an, die sich mit dem faschistischen Erbe dieses Landes auseinandersetzten mußte, damit daß sich dieser Staat als identisch mit dem deutschen Reich sah. Ich bin Teil der Generation, der man während der schulischen Erziehung das Wesentliche der unmittelbaren deutschen Vergangenheit verschwieg. Das Ausmaß der Judenverfolgung und der Massenmorde in Konzentrationslagern, das Ausmaß der Zerstörungen, die die deutschen Faschisten der Welt zugefügt hatten, das Wüten der SS und Wehrmacht in Polen, Jugoslawien und vor allem in der Sowjetunion, und die Tatsache, daß die UdSSR die Hauptlast bei der Befreiung vom Faschismus trug, war in der schulischen Erziehung, die ich in der BRD genossen hatte, nicht vorgekommen. Nahezu unbekannt blieb mir der deutsche antifaschistische Widerstand solange ich in der BRD gelebt hatte. Erst später in Frankreich durch unsere Bekanntschaft mit vielen aus der Résistance und durch die eigene Lektüre eröffnete sich mir eine ganz neue Welt des antifaschistischen Widerstandes, den nicht genug, aber viele Deutsche geleistet hatten. Für mich gab es dadurch zum erstenmal eine Identifikation in der Geschichte des Volkes aus dem ich kam. Auch dieses neue Wissen um die deutsche Geschichte hatte unser Interesse an dem anderen, dem antifaschistischen deutschen Staat geweckt.

Ich wuchs auf in der Zeit des Kalten Krieges, der in diesem Frontstaat mit besonderer Härte und Haß gegen die DDR geführt wurde. Jeder Bereich des öffentlichen Lebens war vom Gegenüber der anderen deutschen Republik geprägt. Als Demonstranten gegen die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg wurden wir angepöbelt: »geht doch rüber«. Dieses »Drüben« mußte also irgendwie auf unserer Seite stehen, wenn die, die gegen uns waren, uns dorthin schicken wollten. Dieses »Drüben« - auch wenn man es nicht kannte, sich nicht mal dafür interessierte - es war in irgendeiner Form immer Teil des Großwerdens in der BRD. Unsere Aktivitäten gegen den Rassismus und den Vietnamkrieg brachten George und mich 1969 zusammen während seiner Stationierung in der US-Armee in Nürnberg. (.) Nachdem George vorzeitig aus der US-Armee entlassen worden war, folgte ich ihm - nach anfänglichen Schwierigkeiten von den US-Behörden ein Visum zu erhalten - in die USA. Der Rassismus gegen Schwarze war allgegenwärtig und bestimmte jede Facette des gesellschaftlichen Lebens. Viele, die sich in den USA zu jener Zeit aktiv gegen den Rassismus und die Repressionspolitik der Regierung engagierten, lebten unter ständiger physischer Bedrohung und auch Lebensgefahr. 1972 gingen wir dann zusammen nach Frankreich und lebten bis 1987 in Paris.

Unser Engagement im Kampf gegen die Installierung amerikanischer nuklearer Erstschlagwaffen brachte uns der DDR näher. Durch die Rolle der DDR für Abrüstung und Entspannung wuchs unser Interesse an diesem Land. Unsere eigenen Erfahrungen mit und im Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Armut, Rassismus und der daraus resultierenden politischen Verfolgung, unser Engagement im Kampf gegen die atomare Aufrüstung und Krieg, brachten uns an die Seite der sozialistischen Staaten. Von vielen Befreiungsbewegungen hatten wir erfahren, daß sie große Unterstützung und Solidarität, neben der Sowjetunion besonders von der DDR erhielten. Dieses kleine Land genoß bei vielen Menschen aus aller Welt, auch in Frankreich, große Sympathie.

Die Sicht auf die Welt von Frankreich aus, war eine andere als die aus der BRD. Die Menschen in Frankreich sahen die deutsche Zweistaatlichkeit anders als die meisten BRD-Bürger, vor allem unverkrampfter. Von hier aus hatte man das Gefühl, es war gut, daß es zwei deutsche Staaten gibt. Die DDR wurde mit weniger Überheblichkeit betrachtet, es war mehr wirkliche Neugier als die Sucht, das Schlechte und Böse zu finden. Es war kein Blick von Frontstaat zu Frontstaat. Ich glaube, es ist dieses unverkrampfte Verhältnis zur DDR, das wir durch unser Leben in Frankreich lernten, das uns auch heute noch von vielen in der BRD unterscheidet wenn es um die DDR geht.

Wir hatten allerdings keine Illusionen. Wir waren uns bewußt, daß der Sozialismus, so wie er existierte, auch nur von Menschen gemacht war, mit all ihren Fehlern und Unzulänglichkeiten. Wir sahen in den sozialistischen Staaten nicht das Paradies, sondern Staaten, die einen Weg gingen ohne Profit als oberstes Prinzip und in einem Umfeld, dessen Haß gegen den Sozialismus wir täglich selbst erleben konnten. Wir gingen davon aus, daß es in der DDR und den anderen sozialistischen Staaten Widersprüche und viele Probleme gab, aber es Aufgabe der dort engagierten Menschen war, diese zu lösen, genauso wie es Aufgabe der Linken im Westen war, für Gerechtigkeit, Abrüstung und Entspannungspolitik in ihren Ländern einzutreten.

1983 erwogen wir, in die DDR überzusiedeln. Wir nahmen entsprechenden Kontakt auf mit der DDR-Botschaft in Paris. Da George zu jener Zeit keinen Paß hatte, wurde ich gebeten, alleine zu einem Gespräch nach Berlin zu kommen. In der Abteilung Paß- und Meldewesen erwarteten mich zwei Herren. Ich vermutete, daß zumindest einer von ihnen zur Staatssicherheit gehörte. Wir hielten es für legitim, daß das MfS in die Prüfung von Übersiedlungsanliegen einbezogen wird. Eine solche Praxis war uns international bekannt. Es lag ja auch in unserem Interesse, daß sie erkennen konnten, daß wir nicht von einem westlichen Geheimdienst geschickt worden waren. Wir verständigten uns darauf, das Gespräch außerhalb der Büroräume zu führen.

Sie erklärten mir zunächst, daß unserer Übersiedlung in die DDR nichts im Wege stünde. Wir seien in der DDR willkommen. Dann machten sie jedoch für mich den überraschenden Vorschlag, nicht in die DDR überzusiedeln, sondern für die DDR im Ausland zu arbeiten, ohne eine solche Arbeitsaufgabe zu spezifizieren. Von Auslandsaufklärung und konspirativen Methoden wurde nicht gesprochen, wohl aber, daß die Politik immer die verschiedensten Methoden anwendet. Konkrete Festlegungen und Vereinbarungen wurden nicht getroffen. George und ich mußten diese neue Perspektive natürlich erst gemeinsam besprechen. Von dem Gedanken Abschied zu nehmen nicht in der DDR zu leben, fiel mir nicht leicht.

Möglicherweise war es beim zweiten Besuch in der DDR, daß mir Rolf vorgestellt wurde. Er wurde dann auch unser Führungsoffizier und blieb es bis zum Ende. Wir wußten damals jedoch nicht, daß er unser »Führungsoffizier« war. Rolf war eben der Genosse, mit dem wir am engsten arbeiteten, mit dem wir am ausführlichsten diskutierten. Und er war offensichtlich besonders verantwortlich für uns. Es wurde eine sehr vertrauensvolle Beziehung und enge Freundschaft. Wir hatten viele Gemeinsamkeiten und Übereinstimmung, wir teilten die gleichen Ideale und Ziele: eine gerechtere Welt, die für uns vor allem bedeutet eine Welt ohne Krieg, Armut, Hunger, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit und Rassismus, eine Welt in der alle Recht auf ihre Würde haben. (.) Infolge der Gespräche mit unseren Genossen in Berlin entschieden wir uns, unseren Wohnsitz von Paris in die BRD zu verlegen, ohne daß es dazu einen konkreten nachrichtendienstlichen Auftrag gab. Unsere Bemühungen um eine Tätigkeit in der BRD waren zwar von politischen Interessen geprägt, nicht aber nachrichtendienstlich vorgegeben. Wir waren uns mit den Genossen darüber einig gewesen, daß wir uns in der BRD im Grün/Alternativen Spektrum orientieren, da uns dies zu jener Zeit am meisten entsprach.

Nach der Bundestagswahl 1987 bewarb ich mich - ohne vorherige Absprache mit Rolf - von Paris aus bei den Grünen und wurde von einer Abgeordneten als persönliche Mitarbeiterin eingestellt. Im September '88 erhielt George eine Anstellung bei einer anderen Grünen Abgeordneten. (.) Wir haben uns sehr stark in der Grünen Fraktion engagiert, weil wir sie zu jener Zeit als wichtige und progressive Kraft im Bundestag und in der bundesrepublikanischen Gesellschaft sahen und wir wollten aus unserem eigenen politischen Bedürfnis heraus die Arbeit der Grünen Fraktion unterstützen. Dies wäre also auch völlig unabhängig von unserer Beziehung zur DDR so gewesen. Unsere Zusammenarbeit mit dem MfS betraf unsere Abgeordneten, mit denen wir ein gutes Verhältnis hatten und für die wir gerne arbeiteten, nur indirekt. Die Arbeit im Abgeordnetenbüro war für uns die Basis um der Diskussion der Grünen zu folgen. Wir wußten, daß die DDR zu den Grünen ein sehr distanziertes Verhältnis hatte, das auch von Unverständnis und Mißverständnissen bestimmt war. Wir wollten, daß die DDR besser verstehen konnte, mit welchen Entwicklungen sie in der Friedensfrage und vor allem auch in der Deutschlandpolitik der Grünen rechnen mußte. Und wir wollten, daß ein besseres Verhältnis zwischen der DDR und den Grünen entstehen könnte. Für die HVA stellten wir Informationen zusammen zu den Entwicklungen und Tendenzen, Diskussionen, und dem internen Kräfteverhältnis bei den Grünen. Wenn es um Personen ging, dann nur im Zusammenhang mit Tendenzen und Meinungen, die sie vertraten. (.) Die Gespräche und Diskussionen, die wir mit den Genossen der HVA führten, unterschieden sich vom Inhalt her nicht wesentlich von den Diskussionen, die wir mit unseren Freunden aus der Friedensbewegung in Frankreich und aus vielen anderen westlichen Ländern hatten. Da die Grünen damals sehr großes Interesse im Ausland auslösten und die Linken dort mehr darüber wissen wollten, fragten auch sie uns häufig über diese oder jene Gruppe, Tendenz, Diskussion; Gespräche und Diskussionen, Fragen zum besseren Verständnis also, die ganz normal sind unter Menschen, mit denen man durch seine politischen Aktivitäten über Staatsgrenzen hinweg verbunden ist.

Es herrschten aber keine normalen Beziehungen zwischen den Blöcken. Der Kalte Krieg bestimmte die Beziehungen zwischen der BRD und der DDR. Wir konnten davon ausgehen, daß jedes offene Treffen von politisch engagierten Menschen im Westen mit Behörden der DDR von den Überwachungsorganen der westlichen Länder in ihren Akten vermerkt wurde. Gerade die BRD war Meister in der Kriminalisierung von persönlichen Kontakten von Bundesbürgern zu staatlichen Organen und Organisationen der DDR. Wie viele Bundesbürger mußten dafür sogar schon ins Gefängnis!

Wir wollten die Gespräche mit den Genossen der DDR führen und uns auch nicht durch die bundesdeutschen und sonstige Überwachungsbehörden daran hindern lassen. Die Vorsichtsmaßnahmen, die wir dazu trafen, waren deshalb in unserem Interesse.

Die Anklageschrift spricht von »Verratsmaterial z.B. Broschüren«, die wir unseren Genossen übermittelt haben. Die Tatsache, daß öffentliche Broschüren in der Bundesrepublik zum Verratsmaterial werden, wenn sie in die DDR gelangten, bestätigt uns, daß es richtig war, unsere Kontakte zur DDR konspirativ zu halten.

Die Anklage spricht von nachrichtendienstlicher Tätigkeit gegen die Bundesrepublik. In diesem Zusammenhang wird uns Verratstätigkeit unterstellt. Dieser Vorwurf setzt voraus, daß die Bundesrepublik von einem gemeinsamen Interesse getragen wird.

Das Bestreben der Grünen, eine höhere Form der Demokratie, eine Basisdemokratie in den elitären Mief des parlamentarischen Systems der Bundesrepublik zu bringen, wurde von den anderen Bundestagsparteien natürlich als Bedrohung empfunden. Sie fürchteten Transparenz in ihren politischen Entscheidungen. Wir arbeiteten mit den Grünen für eine Stärkung der Demokratie in der Bundesrepublik und für die Erhaltung des Friedens in Europa. Gegen die Interessen der BRD hätten wir also nur handeln können, wenn unterstellt wird, daß dies auch die Grünen im Bundestag taten.

Verratstätigkeit gegen die Grünen kann ja wohl nicht gemeint sein, denn die Grünen verraten konnten nur jene, die für den Verfassungsschutz, BND oder andere westliche Geheimdienste arbeiteten, die im Interesse jener arbeiteten, die an der politischen Neutralisierung der Grünen interessiert waren.

Eine Normalisierung der Beziehungen zwischen der BRD und der DDR war von besonderer Bedeutung für die Erhaltung des Friedens in Europa. Darum pflegten doch alle Parteien ihre inoffiziellen, ja geheimen Kontakte zur DDR. Und die DDR pflegte ihre Kanäle zu den Parteien der BRD, auch zu den Grünen.

Bedeutete denn die Tatsache, daß die DDR einen besseren Einblick erhielt in die Grüne Diskussion, eine Gefahr für die Bundesrepublik? Oder gar für die Grünen? Es war doch im Interesse der Grünen, daß die DDR ihre antigrünen Vorurteile abbauen und objektiver in ihrer Einschätzung Grüner Ziele werden konnte.

Wir hielten und halten das Interesse der DDR die politischen Kräfteverhältnisse in der BRD - und was uns betraf, bei den Grünen - genau zu kennen für legitim. Es diente der Absicht bessere Beziehungen zu den Grünen zu entwickeln und gemeinsame Interessen in der deutsch-deutschen Politik und der Friedens- und Abrüstungspolitik zu erkennen. Dazu wollten wir einen bescheidenen Beitrag leisten.

Dies war unsere Absicht und es war die Absicht der HV A. Wie weit es gelang, dies dann in der Politik der DDR-Regierung umzusetzen steht auf einem anderen Blatt. Denn das ist verbunden mit der Frage, wie weit die HV A die Regierung in den letzten Jahren überhaupt noch beeinflussen konnte. (.) Wir waren uns bewußt, daß unsere Verbindung zum MfS mit dem Risiko einer Verhaftung verbunden war, auch wenn wir den betreffenden Paragrafen des Strafgesetzbuches nicht kannten. Schuld mag deshalb im strafrechtlichen Sinne zutreffen, wobei es an der Zeit wäre, daß die Politiker der ungleichen Behandlung der DDR- und BRD-nachrichtendienstlichen Tätigkeit und dem zweierlei Recht in diesem Land ein Ende setzen. Politisch und moralisch können wir uns nicht schuldig fühlen. Wir fühlten uns im Kontext der damaligen Zeit veranlaßt, einen kleinen Beitrag zu leisten, daß im Spannungsfeld des Ost-West-Konfliktes aus dem Gegeneinander ein Miteinander unterschiedlicher Partner werden könnte.

George Pumphrey, OLG Düsseldorf, 15.1.98: Ich möchte mich auf die Hintergründe und Motivation beschränken, die mich, einen Afroamerikaner zu einer Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst der DDR bewegt haben. Ich wurde 1946 in Washington, DC, geboren, der Hauptstadt des »Landes der Freien und Heimat der Mutigen«, wie die USA in ihrer Nationalhymne beschrieben werden. (.) Als Schwarzer in den USA geboren zu sein, bedeutete außerhalb des Schutzes durch das Gesetz zu stehen und der Willkür des Staates und der Gesellschaft ausgeliefert zu sein. Rassismus war bereits ein Geburtsfehler der Vereinigten Staaten. Ihre Verfassung zählte den Wert eines Schwarzen als 3/5 den eines Weißen, erlaubte Sklavenhandel und legte fest, daß ein Sklave, der unter Lebensgefahr flüchten konnte, seinem Besitzer zurückgebracht werden mußte.

Der Widerspruch zwischen dem Anspruch der USA und der Realität, wie sie sich Afroamerikanern bot, lehrte mich sehr frühzeitig kritisch zu sein gegenüber der etablierten Ordnung und alles zu hinterfragen. Meine Mutter unterstützte mich darin und es wurde für mich eine Gewissenssache, unabhängig zu denken.

Wie viele Amerikaner bin auch ich geprägt durch die Moral der Cowboyfilme, die da lautet: »was immer auch kommen mag, diejenigen, die auf der Seite der Gerechtigkeit stehen, werden am Ende siegen; Mut bedeutet, sich für Gerechtigkeit einzusetzen auch wenn man ganz alleine steht; Feigheit ist, wenn man sich dem Trend anpaßt, vor allem wenn man erkennt, daß er in die falsche Richtung geht.« Die Schule, in die ich als kleiner Junge ging, war segregiert. Aber wie die Kinder in den weißen Schulen hörten auch wir in unseren Schulen von der Amerikanischen Revolution, davon, daß sich Amerikaner gegen das Gesetz des englischen Königs erhoben. Man brachte uns bei, daß es geschichtlich richtig war, gegen herrschendes Gesetz zu handeln, wenn dies dem Fortschritt der Menschheit dient. Aber wir erfuhren durch unsere Lehrer auch etwas, was weiße Lehrer verschwiegen: der erste Amerikaner, der für die Freiheit aller Amerikaner starb war Crispus Attucks, ein Ex-Sklave. Wir mußten die Worte der Unabhängigkeitserklärung lernen von der Selbstverständlichkeit, daß alle Menschen gleich sind und daß Regierungen, unter den Menschen eingesetzt werden, um das Recht auf Leben, Freiheit und Glück der Bürger zu schützen. Wann immer aber eine Regierungsform sich von diesen Zielen abwendet, hat das Volk das Recht, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen. Wenn jedoch viele Mißbräuche und Übergriffe die Absicht erkennen lassen, daß Menschen absolutem Despotismus ausgesetzt werden sollen, dann ist es nicht nur deren Recht sondern ihre Pflicht, eine solche Regierung zu stürzen und neue Garanten für ihre künftige Sicherheit zu bestellen.

Dies lernten wir in Schulen, die nach Rassen getrennt waren. In einer schwarzen Schule hatten diese Worte sicherlich einen anderen Klang als in einer weißen. Es ist also nicht erstaunlich, daß die Widersprüche um mich herum mich schon sehr früh politisierten. Mit 13 schloß ich mich der Bürgerrechtsbewegung an.

Die Ermordung Martin Luther Kings war für viele in meiner Generation ein Wendepunkt. Es wurde uns klar, daß die Regierung den Krieg, den sie gegen Vietnam führte, nun auch nach Hause brachte und gegen all jene erklärte, die sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzten.

Ich ging zur Universität und wurde später in die US-Army eingezogen in einer Zeit heftigster gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Nicht nur Aktenberge wurden über all jene angelegt, die sich engagierten. Den antirassistischen Kampf und den Kampf gegen den Vietnamkrieg beantwortete die US-Regierung mit gewalttätiger Repression. Meine politische Entwicklung wurde natürlich auch geprägt durch unsere Zusammenarbeit mit den Black Panthern, die mit den brutalen Mitteln amerikanischer Geheimdienste von der Regierung bekämpft wurden. Aber auch durch eine rechtswidrige Ausweisung aus der Bundesrepublik.

Unser Leben und unser politisches Engagement in Frankreich brachte uns den sozialistischen Staaten näher. Durch unser Engagement und unser Zusammentreffen mit Menschen aus aller Welt, die in Frankreich im Exil lebten, erfuhren wir auch von der Solidarität, die ihre Bewegungen von den sozialistischen Ländern, speziell von der DDR erhielten. Während die Bundesregierung Waffen an den Apartheidstaat lieferte, unterstützte die DDR den Befreiungskampf in Südafrika, Namibia und Zimbabwe. Der ANC war von der DDR als legitimer Repräsentant anerkannt, als Regierung und Medien der BRD Nelson Mandela und seine Mitkämpfer »Terroristen« nannten. Wir trafen Chilenen, die vor dem Faschismus in ihrem Land geflohen waren, deren Freunde oder Verwandte auch Zuflucht in der DDR gefunden hatten.

Der inzwischen verstorbene Clodomira Almeyda, damaliger Präsident der Sozialistischen Partei Chiles, hatte Asyl in der DDR gefunden, nachdem ihm die Einreise in die Bundesrepublik verwehrt worden war. Kurz nach der Währungsunion schrieb er, was viele - nicht nur Chilenen - die die Solidarität der DDR kennengelernt hatten, ähnlich empfanden: »Für die Chilenen, die wir viele Jahre in der DDR lebten, aufgenommen mit großzügiger und solidarischer Gastfreundschaft, ging in dieser Nacht unser zweites Vaterland von uns, wurde uns etwas genommen, das wir liebten und das schon ein Teil von uns selbst war. Es ist eine Gesellschaft verschwunden, die - ungeachtet ihrer Deformationen, Mängel und Schwächen, welche wir kannten und bedauerten - in ihrem Wesen eine demokratische und nach Gleichheit strebende Gesellschaft war, ohne Elend, in der es einen Arbeitsplatz für alle gab und wo die Mindestvoraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben in Sachen Ernährung, Wohnung, Gesundheit, Bildung, Kultur und Erholung für alle gesichert waren. Und das ist nicht wenig.« In den 80er Jahren entwickelte sich der Friedenskampf als Antwort auf den NATO-Doppelbeschluß. Die USA wollten sich mit neuen, atomaren Erstschlagwaffen eine Möglichkeit schaffen, einen Nuklearkrieg gegen die Sowjetunion auf Europa zu begrenzen. Jede neue Abrüstungsinitiative des Warschauer Vertrages wurde von der NATO abgeschmettert. Als Amerikaner fühlte ich mich in der Pflicht, mich an der Seite von Millionen Europäern gegen die US-Pläne zu engagieren.

Als uns die Möglichkeit eröffnet wurde, mit der DDR zu kooperieren, zögerte ich nicht. Ich sah darin eine Möglichkeit einer Erweiterung unseres Engagements im Friedenskampf. Und es bedeute für mich, daß ich als Afroamerikaner ein wenig von der Solidarität zurückgeben konnte, die die DDR - ihre Regierung und Bevölkerung - vielen von uns, nicht nur in Afrika und Lateinamerika, sondern auch in meinem Land gegeben hatte: unseren politischen Gefangenen in den USA, Angela Davis, die Wilmington 10, Johnny Imani Harris, Leonard Peletier, Garry Tyler, Geronimo Pratt und vielen anderen. Die Anklageschrift wirft uns vor, »gemeinschaftlich für den Geheimdienst einer fremden macht eine geheimdienstliche Tätigkeit gegen die Bundesrepublik ausgeübt zu haben.« Uns wird Verratstätigkeit unterstellt durch Berichterstattung über die westeuropäische und speziell die bundesdeutsche Friedensbewegung. Warum macht sich der Staat Sorgen über Verrat an der gleichen Friedensbewegung, die dieser Staat, wo immer er nur konnte, bekämpfte und kriminalisierte? Die Regierung der Bundesrepublik und alle anderen NATO-Staaten redeten vom Frieden und rüsteten auf. Die Friedensbewegung richtete sich gegen die NATO-Pläne der Installierung von neuen amerikanischen Nuklearwaffen. Ein wichtiger Grund, warum sich in der BRD so viele Menschen dagegen erhoben, war die Tatsache, daß die Bundesregierung es zuließ, daß die NATO-Pläne ihr Land zum nuklearen Schlachtfeld auserkor.

Wer hat denn gegen die Interessen der Bundesrepublik gehandelt, die Bundesregierung im Einklang mit der NATO oder die Friedensbewegung? Wir waren in dieser Friedensbewegung aktiv, aktiv also für die Verhinderung von neuen Atomwaffen, für nukleare Abrüstung, für eine Politik der Verständigung und friedlichen Konfliktlösung, für eine Überwindung der Blockkonfrontation. Dieses Engagement hatten wir schon lange, bevor die HVA mit uns in Kontakt trat. Unser Engagement hat sich durch die HVA im wesentlichen nicht geändert. Neu war, daß wir nicht nur mit unseren Freunden und Genossen über westliche Grenzen hinweg über die Friedensbewegung diskutierten, sondern nun auch mit den Genossen in der DDR. Und neu war, daß wir uns mehr auf die Teile der Friedensbewegung orientierten, mit denen die DDR weniger Kontakt hatte. Wir konnten vielleicht mit unserer Arbeit ein wenig dazu beitragen, daß die DDR diese Gruppen der Friedensbewegung objektiver einschätzen und erkennen konnte, daß nicht alle Kräfte, die nicht mit ihr sympathisierten, nicht unbedingt gegen ihre Friedenspolitik waren. Der Staat der DDR stand in seiner Außen- und Friedenspolitik auf Seiten der Friedensbewegung. Der Staat der BRD agierte gegen sie.

Die Friedensbewegung in der Bundesrepublik war so einflußreich geworden, daß die große Mehrheit der Bevölkerung mit ihren Zielen sympathisierte. Die Friedensbewegung konnten wir nicht verraten. Für ihre Ziele sind wir eingetreten. Gegen die Bundesrepublik hätten wir nur gehandelt, wenn dieser Staat und seine Bevölkerung als identisch gesehen wird. Dies entspricht weder den Realitäten noch unserer demokratischen Auffassung. Wenn dieser Staat Demokratie ernst genommen hätte, hätte er den Mehrheitswillen der Bevölkerung respektiert und sich selbst an die Spitze der Friedensbewegung stellen müssen. Dann wäre auch die Art unserer Verbindung zur DDR überflüssig gewesen.

Pumphrey, Doris; Pumphrey, George


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