Logo Geheim 4/1997

CIA-Operationen gegen die Volksdemokratie in der CSSR
Operation »Splinter Factor« in der CSSR 1)

Vorbemerkung

Wir dokumentieren nachfolgend - leicht gekürzt - eine Artikelserie, die in der in Prag erscheinenden linken Zeitschrift »Postmark Praha« 2) erschienen ist und sich mit einigen Aspekten von CIA-Operationen gegen die Volksdemokratie in der CSSR seit ihrer Gündung beschäftigt. Man kann sie allerdings nur richtig einordnen, wenn man sich die historische Situation vor Augen hält, die den Hintergrund der geschilderten CIA-Aktivitäten darstellt.

Die Sowjetunion hatte innerhalb der Anti-Hitler-Koalition die Hauptrolle bei der Zerschlagung des deutschen Faschismus und der Befreiung der von den Nazis besetzten Gebiete, vor allem in Osteuropa, gespielt. Der Nazi-Faschismus war in Europa geschlagen und mit ihm seine gesellschaftliche Basis, der Kapitalismus, schwer angeschlagen. Kommunisten, Sozialisten und Gewerkschafter hatten an führender Stelle Widerstand gegen die Nazis geleistet oder Partisanenbewegungen aufgebaut. Dies hatte überall in Europa zu einem Prestigegewinn für die Linke geführt, grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen vollzogen sich - unterstützt von der Sowjetunion - in Ost-Europa, deuteten sich jedoch auch im Westen, vor allem in Italien und Frankreich, an. In der Tschechoslowakei war aus den allgemeinen Wahlen die Kommunistische Partei als stärkste Kraft hervorgegangen und bildete gemeinsam mit anderen politischen Kräften eine Koalitionsregierung.

Für die Vereinigten Staaten bedeuteten diese gesellschaftlichen Entwicklungen eine Herausforderung, die sie mit allen Mitteln zu bekämpfen bereit waren. Demokratische Entscheidungen der Völker spielten dabei keinerlei Rolle. Der »Kalte Krieg« gegen den gesellschaftlichen Fortschritt hatte begonnen, es ging um die Rettung des kapitalistischen Gesellschaftssystems dort, wo es ging, und die Zerschlagung jedes volksdemokratischen oder sozialistischen Aufbaus, um ein aggressives »Roll Back«. Der nordamerikanische Geheimdienst CIA, gerade 1947 aus der Taufe gehoben, spielte dabei eine Schlüsselrolle. Der Zweck heiligte im Krieg der CIA alle Mittel. So beschrieb ein Geheimbericht aus dem Jahre 1951 die Aufgaben der CIA wie folgt: »Es ist jetzt klar, daß wir uns einem unversöhnlichen Feind gegenübersehen, dessen erklärtes Ziel die Weltherrschaft ist, mit welchen Mitteln und zu welchen Kosten auch immer. In einem solchen Spiel gibt es keine Regeln. Bis heute anerkannte Normen menschlichen Verhaltens gelten nicht mehr. Wir müssen lernen, unsere Feinde zu untergraben, zu sabotieren und zu zerstören, und zwar mit Methoden, die cleverer, ausgefeilter und effektiver sind als jene, die man gegen uns anwendet.« 3)

Um solche Methoden geht es auch bei der Artikelserie, die wir hiermit dokumentieren wollen. Sie beschreibt einige CIA-Operationen in der Tschechoslowakei, die bis heute im wesentlichen unbekannt geblieben sind, zum anderen liefert sie damit auch historische Fakten oder stützt zumindest Sichtweisen, die mit der aktuell immer wieder mit Heftigkeit geführten Totalitarismusdiskussion erschlagen werden sollen.

(Red.)

Es gab drei offene Versuche, alle drei von außen unterstützt oder sogar dirigiert, die von den Kommunisten geführte Regierung der National Front in der CSSR zu stürzen, 1989 natürlich, davor im Jahre 1968 und zuerst im September 1948. Kaum war sie an die Macht gekommen, war die gewählte Regierung mit offenem Terror, Desinformation und Verschwörungen konfrontiert. Im September 1948 war der damalige Präsident Edvard Benes gestorben, und die Opposition versuchte, die Begräbnisfeierlichkeiten in einen Putsch umzumünzen. In dem irrtümlichen Glauben an einen schwindenden Einfluß der Kommunisten und von den Amerikanern dazu ermutigt, riefen sie unter den 100.000 Teilnehmern des Trauerzuges mit Flugblättern dazu auf, die Beerdigung in eine gegen die Regierung gerichtete Demonstration zu verwandeln, Ministerien, Eisenbahnstationen, Postämter und andere strategische Einrichtungen zu besetzen, kurz, den offenen Kampf gegen die Regierung aufzunehmen.

Geheime Operationen

Bereits zwei Jahre zuvor - kurz nach dem entscheidenden Sieg der Kommunisten in den allgemeinen Wahlen - hatten geheime Versuche der Opposition begonnen, Schlüsselpersonal innerhalb der Armee und der Polizei zu rekrutieren. Im Zentrum des Plans, den die Führung der »Nationalen Sozialistischen Partei« mit Unterstützung amerikanischer Agenten ausgearbeitet hatte, stand der Aufbau der Fähigkeit, zum Zeitpunkt des vorbereiteten Putsches das Kommunikationsnetz des Landes lahmzulegen, um die Formierung von Widerstand gegen eine rechte Machtübernahme zu behindern. Ihre Medien konzentrierten sich darauf, unter den Mittelschichten und besser bezahlten Arbeitern Unruhe zu stiften und gegen die Regierungspolitik zu mobilisieren.

Die »Volkspartei« bemühte sich, die katholische Intelligenz zu gewinnen, besonders die Studenten. Sie gründete »Klubs der Volksakademiker«, für deren Vortragsreihen sich allerdings sogar Mitglieder der Regierung Klement Gottwald gewinnen ließen. (...) Die hier politisierten Studenten gingen zur Agitation auf das Land und mobilisierten unter der katholischen Landbevölkerung mit religiösen Argumenten gegen die Kommunistische Partei.

Aber die Mehrheit der Bevölkerung und die Masse der Arbeiter standen im September 1948 loyal zur Regierung. Der Putschversuch lief ins Leere. Dennoch stellte er die bis dahin härteste Prüfung der jungen Volksdemokratien im zentralen und östlichen Europa dar.

Angesichts dieser Bedrohung forderte der damalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSC) mehrfach drakonische Maßnahmen, so die Einrichtung von »Arbeits- und Erziehungslager« für Konterrevolutionäre. Aber Klement Gottwald, der Nachfolger von Edvard Benes' im Präsidentenamt, verfolgte einen weniger radikalen Kurs.

Weißer Terror

Als Benes starb, zählte man bereits 201 konterrevolutionäre Gruppen in der Tschechoslowakei: 66 von ihnen hatten Verbindungen mit ausländischen Geheimdiensten und waren in Spionageaktivitäten involviert, 58 von ihnen führten illegale, grenzüberschreitende Operationen durch, 17 waren bewaffnete terroristische Gruppen und 60 produzierten Flugblätter oder diverse andere Publikationen, die dazu aufriefen, die Regierung zu stürzen.

Zwischen Februar 1948 und Ende 1954 wurden nicht weniger als 113 Polizisten und Sicherheitskräfte im Dienst ermordet - acht durch Agenten ausländischer Geheimdienste und 24 durch die Hand von Terroristen und Mitgliedern konterrevolutionärer Gruppen. Andere Attentate richteten sich gegen lokale politische oder Wirtschaftsfunktionäre.

Die »Svetlana-Bande«, organisiert von den »Masin-Brüdern«, ermordete die Vorsitzenden von zwei Stadträten und zwei Polizeioffiziere. Diese »Masin-Brüder« erhielten später politisches Asyl in den USA, wo sie noch heute leben. »Postkommunistische« Versuche, sie als Helden des antikommunistischen Kampfes zu rehabilitieren, scheiterten am Widerstand der öffentlichen Meinung. Der ehemalige Parlamentssprecher Milan Uhde (ODS) löste z.B. mit seiner über das Fernsehen verbreiteten Meinung, »antikommunistische Freiheitskämpfer« wie die »Masin-Brüder« hätten das Recht gehabt, Waffen zu tragen und auch zu gebrauchen, einen Proteststurm in der Öffentlichkeit aus.

Eine andere Bande, angeführt von dem von den USA ausgebildeten Ladislav Maly, ermordete drei Angestellte der Kommunistischen Partei und des Stadtrates in Babice im Jihlava Distrikt im Norden des Landes. In diesem Fall muß ein Zusammenhang vermutet werden zwischen dem Mord und einer verschlüsselten Nachricht, die unmittelbar vor der Tat über den in München stationierten us-amerikanischen Sender »Radio Free Europe« an die Gruppe übermittelt worden war, angeblich als Nachrichtenaustausch zwischen von »Kommunisten geteilten« Familien: »Onkel Karel wartet zumindest auf einen kleinen Kuß von Jihlava.« (...)

Alleine 1951 und 1952 wurden 1.200 ausländische Agenten verhaftet. 444 Pistolen, 16 Handgranaten, 12 Maschinengewehre und eine große Menge Munition wurden bei Personen sichergestellt, die die tschechoslowakischen Grenzen zwischen Januar 1951 und März 1953 illegal überschritten hatten.

Die Operation »Splinter Factor« der CIA

Steward Stevens erzählt die Geschichte von Operation »Splinter Factor« in seinem 1974 erschienenen Buch »Explosive«. Danach inszenierte Allan Dulles, später Direktor des US-Geheimdienstes CIA, Operation »Splinter Factor« in den späten 40er Jahren. Ihr Ziel war recht einfach und wenig originell. Führende Mitglieder von Kommunistischen Parteien und Regierungen in Zentral- und Osteuropa sollten in den Verdacht gebracht werden, in eine Verschwörung der CIA gegen ihre Heimatländer verwickelt zu sein.

Dieses Programm des politischen Rufmordes sollte mit Hilfe eines hohen Offiziers des polnischen Sicherheitsdienstes ins Werk gesetzt werden, der auf seinem Posten in Warschau schon lange für die CIA arbeitete Oberstleutnant Juzef Swiatlo gehörte zur polnischen Gegenspionage. Seine Aufgabe war also, die Tätigkeit fremder Agenten in Polen und anderen jungen Volksdemokratien aufzuklären. Die CIA wies ihn an, scheinbar zu tun, was seines Amtes war, in Wirklichkeit jedoch führende Kommunisten des Verrats und der Spionage zu bezichtigen. Die CIA übernahm die Aufgabe, die »Beweise« zum Verdacht zu fabrizieren.

Die Diskreditierung der Kommunisten zielte auf die Destabilisierung der von ihnen geführten Regierungen bis zu ihrem Sturz. (...) Zur etwaigen Unterstützung des Umsturzes von außen bildete die US-Armee zur selben Zeit eine verdeckte Interventionseinheit unter dem Namen »Freie Tschechoslowakische Streitkräfte« (...) aus. Von den vier als Operationsgebiet ausgewählten Ländern Ungarn, Polen, Bulgarien und der Tschechoslowakei richtete die CIA ihre größten Anstrengungen zunächst auf die CSSR. (...)

Das erste Opfer sollte Vladimir Clementis werden. Der 1902 in der Slovakei geborene Clementis war seit 1924 Mitglied der KSC, bis er wegen seines Protestes gegen den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag aus der Partei ausgeschlossen wurde. (...) Nach der Befreiung war er von 1945 bis 1948 Staatssekretär im Außenministerium, (...) später Außenminister.

Während eines Ministerbesuches bei den Vereinten Nationen im Oktober 1949 begann die CIA, ihre Kampagne mit tödlichem Ausgang gegen Clementis ins Werk zu setzen. Zunächst versuchte die CIA, über Beamte des US-Außenministeriums Clementis dazu zu bewegen, die Seite zu wechseln. Mit in die Presse lancierten Berichten, die Clementis als »einen unabhängigen Geist« beschrieben, der den Stalinismus und die Sowjetunion hasse und in Opposition zum ersten kommunistischen Präsidenten der Tschechoslowakei, Klement Gottwald, stehe, setzte sie ihn unter Druck.

Clementis telefonierte damals fast täglich mit Gottwald, um diese Berichte zu dementieren. Gottwald schickte seinerseits die Frau von Clementis mit dem Auftrag nach New York, ihrem Mann zu versichern, daß er sein volles Vertrauen habe. Die CIA versuchte ein letztes Mal, diesmal auf direktem Wege, Clementis aus der tschechoslowakischen Regierung herauszubrechen: sie bot ihm politisches Asyl an. Als Clementis ablehnte, änderte der US-Geheimdienst sofort seine Taktik und beschloß, ihn zu zerstören.

Als der tschechoslowakische Außenminister Vladimir Clementis gegen Ende 1949 von seinem Besuch bei den Vereinten Nationen nach Prag zurück kam, mußte er feststellen, daß - während Präsident Klement Gottwald ihm sein Vertrauen ausgesprochen hatte - die tschechoslowakischen Sicherheitsdienste damit begonnen hatten, gegen ihn zu ermitteln. Den Vorgängen in New York folgte der Vorwurf, Clementis sei Teil eines Agentennetzes der CIA-Agenten Noel und Herman Field. Dieser Vorwurf kam nicht vom CIA-Mann in der polnischen Gegenspionage, Juzef Siwatlo, sondern vom ungarischen Parteichef Matyas Rakosi.

Rakosis Stimme hatte Gewicht. Er war mehrere Jahre unter dem faschistischen ungarischen Regime des Admirals Horthy eingekerkert gewesen. Er war bei seinem Prozeß von keinem Geringeren als der berühmten britischen Anwalt und Abgeordneten der Labour Partei, D.N. Pritt, verteidigt worden. Rakosi genoß großes Ansehen in der internationalen kommunistischen Bewegung. Infolgedessen führte sein Vorwurf schließlich zu Clementis' Entlassung aus dem Amt am 13. März 1950 und zu dessen Verhaftung im Januar 1951 (...).

Die Anklage gegen Clementis (...) lautete, zu einer »staatsfeindlichen, konspirativen Gruppe« zu gehören, die vom damaligen Generalsekretär der KSC, Rudolf Slansky, geführt werde. Als der ehemalige Spanienkämpfer und stellvertretende Außenminister (1949-51) Arthur London sich selbst der Zugehörigkeit zu einer solchen Verschwörung bezichtigte und Clementis ebenfalls beschuldigte, Teil der selben Verschwörung gewesen zu sein, war dessen Schicksal besiegelt. Clementis wurde im Dezember 1952 hingerichtet.

Operation »Splinter Factor« erreichte eine neue Qualität, als es der CIA gelang, Marie Svermova zu diskriminieren. Sie war von 1949 bis 1951 stellvertretende Generalsekretärin der KSC, Witwe des Nationalhelden Jan Sverma, der während des slowakischen Nationalaufstandes 1944 gefallen war und Schwester des Innenministers Karel Svab. Sie wurde verhaftet, weil Swiatlo sie als Kontaktperson des amerikanischen CIA-Agenten Hermann Field genannt hatte. Mit dieser Verhaftung war eine Situation geschaffen, in der »agents provocateurs« nicht mehr benötigt wurden. (...)

Stalin interveniert

Als die tschechoslowakischen Sicherheitskräfte auf Basis von »Beweisen«, die von der CIA im Rahmen von Operation »Splinter Factor« fabriziert worden waren, den Vorwurf erhoben, Rudolf Slansky sei in konterrevolutionäre Aktivitäten der USA verwickelt, waren der tschechoslowakische Präsident Klement Gottwald wie auch der sowjetische Parteiführer Josef Stalin skeptisch. Stewart Stevens, kein Kommunist, schreibt in seinem Buch »Explosive« dazu, daß Stalin die Intuition hatte, die ganze Sache sei eine CIA-Verschwörung. In einem Brief an Gottwald aus dem Jahre 1951 erinnerte er diesen daran, »wie viele ehrliche Parteimitglieder aufgrund falscher Anschuldigungen inhaftiert« worden seien und fügte in seinem Schreiben hinzu: »Wenn die Arbeit der Sicherheitsorgane nicht dem Feind dienen soll, dann muß sie einer ständigen und sorgfältigen Überwachung ausgesetzt sein, so daß das Vertrauen in sie aufrecht erhalten wird, einschließlich der höchsten Ebene.« (...)

Gottwald hatte die Sicherheitsorgane angewiesen, in Verhören nicht nach seinem alten Freund Slansky zu fragen, und falls ein Verhörter den Namen Slansky von sich aus erwähne, nicht nachzufragen, sondern lediglich zu notieren.

Stalin wurde nun trotzdem mit den Vorwürfen gegen Slansky befaßt, weil sich zwei führende Funktionäre der tschechoslowakischen Gegenspionage (...) unter Umgehung von Gottwald über die sowjetische Botschaft in Prag direkt an ihn gewandt hatten. Sie waren von den gefälschten »Beweisstücken« derart beeindruckt gewesen, daß sie es für nötig gehalten hatten, sich direkt an Stalin zu wenden, wovon sie auch ihre Kollegen überzeugt hatten. Sie wurden in ihrer Auffassung von einem führenden Offizier des Geheimdienstes bestärkt, der, ohne daß sie es wußten, ein Agent des westdeutschen Geheimdienstes war, den damals der ehemalige Nazi-General Gehlen leitete. Stevens schreibt über diesen »tschechischen Swiatlo«: »Obwohl bis heute die Identität dieses Agenten unbekannt geblieben ist, kann es keinen Zweifel über seine Existenz geben.«

Die Führung der KPC war entsetzt, als sie von der Eigenmächtigkeit ihres Geheimdienstes erfuhr. Einer der beteiligten Geheimdienstoffiziere wurde verhaftet. Aber es war bereits zu spät. Stalin war informiert.

Die Sicherheitsdienste agierten weiterhin als Staat im Staate. Sie gaben ihrem sowjetischen Berater, Boyarsky, einen Bericht, nach dem Slansky und Bedrich Geminder, Verantwortlicher der internationalen Abteilung der Kommunistischen Partei, in »jüdisch-bürgerliche nationalistische« Spionage verwickelt seien. Diese Information wurde an Präsident Gottwald und den Minister für Staatssicherheit, Ladislav Kopriva, weitergeleitet; Gottwald war jedoch keineswegs beeindruckt. Er wiederholte seine Anweisung an die Sicherheitsorgane, daß Anschuldigungen gegen Slansky lediglich notiert, jedoch nicht aktiv verfolgt werden dürften. Aber seine Anweisung wurde, wie bereits zuvor, ignoriert.

Nachdem Stalin von dem Sachverhalt durch den sowjetischen Botschafter in Prag unterrichtet worden war, schrieb er im Juli 1951 an Gottwald. Er betonte in seinem Schreiben, daß er die Beweise gegen Slansky auch nicht für überzeugend halte. Weil die Angelegenheit nicht mit der »notwendigen Seriosität« in Prag behandelt werde, rief er den verantwortlichen sowjetischen Sicherheitsberater zu Konsultationen nach Moskau. Gottwald antwortete, daß jene, die Slansky beschuldigten, »überführte Kriminelle« seien; dies war ein direkter Bezug auf Otto Sling, den Chef der Regionalorganisation der Kommunistischen Partei in Brno, der verhaftet worden war und während seinen Verhören den Namen von Slansky ins Spiel gebracht hatte. Steward Steven bewertet diese Aussage Sling's in seinem Buch »Explosive« als Versuch, seinen Hals zu retten. Die Sicherheitsorgane hatten im Februar des Jahres dem Zentralkomitee berichtet, daß Sling ein »Spion, ein brutales Individuum, ein Zyniker und Mörder, ein kriminelles Monster, ein degenerierter und skrupelloser Abenteurer« sei.

Stalin bat Gottwald, nach Moskau zu kommen, doch der, der 1953 sterben sollte, war bereits so krank, daß er statt dessen seinen Schwiegersohn und Verteidigungsminister Alexej Cepicka schickte. Er kam mit einem Brief Stalins zurück, der Gottwald riet, daß solange Slings Aussagen nicht von anderen Beweisen gestützt würden, keine Anklagen gegen Slansky und andere »Parteiarbeiter, die für ihre positiven Leistungen bekannt seien« erhoben werden dürften. Allerdings schlug Stalin vor, Slansky als Generalsekretär der Partei abzulösen wegen Fehlern, die er aufgrund seines autokratischen Stils gemacht hätte - besonders wegen der Förderung »feindlicher Elemente« auf führende Positionen, und dies gegen den Rat anderer Genossen. Gottwald stimmte dem zu. (...)

Situation gerettet

Für Allen Dulles war Stalins Intervention (...) das erste Problem bei der Durchführung von Operation »Splinter Factor«, aber mit Hilfe des hoch placierten deutschen Agenten des ex-Nazi Gehlen war er in der Lage, die Situation zu retten. Die Vernehmer der Sicherheitsdienste fuhren jedoch damit fort, Anschuldigungen gegen Slansky zu sammeln, die später dazu benutzt wurden, die Aussagen von Arthur London, des ehemaligen stellvertretenden Außenministers und Karel Svab, des ehemaligen stellvertretenden Innenministers zu garnieren.

Obwohl Slansky im September 1951 als Generalsekretär der Kommunistischen Partei (KSC) wegen seines autoritären Stils abgelöst und auf die Position des stellvertretenden Premierministers degradiert worden war - wie es Stalin Gottwald vorgeschlagen hatte -, war der für Operation »Splinter Factor« verantwortliche CIA-Offizier Dulles noch nicht zufrieden. Er wollte nichts weniger als - wie es Steward Stevens in seinem Buch »Explosive« schreibt - die »totale politische und moralische Zerstörung eines der bedeutendsten Politikers in Osteuropa.«

So wurde das Gerücht in tschechischen Emigrantenzirkeln in Westdeutschland gestreut, Slansky überlege, in den Westen zu fliehen, da er über seine Degradierung schockiert sei. Nur wenige Emigranten glaubten an das von der CIA in die Welt gesetzte Gerücht, doch wurde es als ein weiterer Beleg für die sich verschlechternde Situation in der Tschechoslowakei nach dem »Februar Sieg« der Kommunisten von 1948 gewertet.

Am 4. November wurden die Sowjets von einem ihrer Agenten, der die für die Tschechoslowakei zuständige und in München ansässige Abteilung der CIA infiltriert hatte, darüber informiert, daß eine Operation begonnen hätte, Slanskys Plan, in den Westen zu fliehen, zu unterstützen. Die Quelle dieser Information, der in der Tschechoslowakei geborene Otto Haupter, war jedoch in Wirklichkeit ein Doppel-Agent, der tatsächlich für die Amerikaner arbeitete. Er war zwei Jahre zuvor in Polen unter Spionageanklage verhaftet worden und hatte den Sowjets angeboten, für sie zu arbeiten, falls er freigelassen würde. Diese nahmen ihn bei Wort und schickten ihn nach München zurück mit dem Auftrag, den Amerikanern zu erzählen, es sei ihm gelungen, zu fliehen. Er ging in der Tat zurück, allerdings informierte er dort seine CIA-Führungsoffiziere über seine neue Rolle als sowjetischer Agent. Als Resultat war er bestens plaziert, um eine Schlüsselrolle bei Dulles' Plan zu spielen, Slansky fertig zu machen.

Haupter sagte den Sowjets, er sei dafür verantwortlich gemacht worden, Slansky bei seiner Flucht zu helfen und daß ein Kurier am 9. November in die Tschechoslowakei eingeschleust worden sei, um Slansky hierüber zu informieren. Stalin, der über Haupters Bericht informiert wurde, schickte Anastas Mikojan am 11. November nach Prag, um Gottwald auszurichten, daß Slansky inhaftiert werden solle. Gottwald antwortete, er kenne Slansky seit Jahren und daß er, was immer er auch gemacht habe, niemals zum Feind überlaufen würde. Mikoyan übermittelt Gottwalds Sicht der Dinge Stalin, für den es ebenfalls schwer zu glauben war, daß Slansky ein Verräter sei.

Trotzdem, so teilte Mikoyan Gottwald mit, sei Stalin der Meinung, daß Sklansky wegen seines Planes, in den Westen überzulaufen, verhaftet werden solle. Gottwald antwortete, daß Stalin sicherlich wichtige Gründe habe, dies zu fordern, er, Gottwald, jedoch weitere, schlüssige Beweise haben müsse, bevor er gegen Slansky vorgehe.

Also organisierte Haupter Briefe, mit denen Slansky in einen CIA-Fluchtplan verwickelt wurde, und spielte diese der tschechoslowakischen und sowjetischen Gegenspionage zu. Zur gleichen Zeit, am 9. November, begann »Radio Free Europe« damit, Nachrichten von jemandem mit der Code-Bezeichnung »Support« an jemanden zu schicken, der angeblich in der Tschechoslowakei in Gefahr sei. Weitere Briefe wurden der tschechoslowakischen und sowjetischen Gegenspionage zugespielt, in denen Slansky Hilfe bei der Erlangung politischen Asyls im Westen und beim Verlassen des Landes zugesichert wurde. »Radio Free Europe« strahlte weitere Botschaften von »Support« am 17. und 24. November sowie am 1. Dezember aus. Zudem wurden Gerüchte in München gestreut, daß Slanskys unmittelbare Ankunft bevorstehe; all dieses wurde nach Moskau berichtet. Um diesen Gerüchten zusätzliches Gewicht zu verleihen, wurde eine regelrechte Theaterinszenierung auf einem amerikanischen Militärflugplatz in Westdeutschland aufgeführt. Eine Woche lang wurden dort täglich prominente tschechische Emigranten, begleitet von führenden US-Beamten, versammelt. Ihnen wurde gesagt, daß eine sehr wichtige Person in Kürze aus der Tschechoslowakei ankomme und sie wurden Glauben gemacht, daß dies Slansky sei.

Nachrichten über dieses bizarre Spiel ließ der CIA-Chef in München, Charles Katek, ehem. Militär-Attaché an der US-Botschaft in Prag, an die deutsche Presse durchsickern, um auch sicherzustellen, daß diese Nachrichten Prag und Moskau erreichen.

Slansky wurde am 23.11.51 verhaftet, als stellvertretender Premierminister entlassen und des Verrats angeklagt. Im November 1952 wurde er verurteilt, Chef eines »staatsfeindlichen Verschwörerzentrums« zu sein und hingerichtet. Nach Recherchen einer Untersuchungskommission 1963 und 1968 wurde er rehabilitiert. Am 7.1.53 wurde Allen Dulles, Bruder des US-Außenminister John Forster Dulles, zum Direktor der CIA ernannt ...

Anmerkungen:
(1) in einem der nächsten Hefte folgt ein ausführlicherer Bericht über CIA-Aktivitäten in der CSSR 1968 und ihre Hintergründe
(2) »Postmark Praha« berichtet über die Situation und fortschrittliche Aktivitäten in Tschechien und der Slowakei. Ein Jahresabo kostet 40 DM. Anschrift: »Postmark Praha«, P.O.Box 42, 182 21 Prague 8, Tschechische Republik, Tel & Fax: 420-2-8584107, E-Mail: leftnews@kscm.cz
(3) zit. n.: Nair/Opperskalski, »CIA: Club der Mörder«, Göttingen 1988, S.15


Startseite | Inhaltsverzeichnis | Archiv | InfoLinks

© HMTL-Generator © 1997 U. Pieper