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Motto
Nicht selten streicht eine geistreichelnde literarische Manier, die
sich um wirkliche historische Zusammenhänge kaum kümmert, im
progressiven bürgerlichen Erbe die positive, fruchtbare Leistung
heraus, im vormarxistischen Sozialismus und Kommunismus hingegen die
Schranken und Irrtümer, betont dort, was dem Marxismus nahesteht, hier
aber das Trennende.
(W. Seidel-Höppner/J. Höppner, 1975, hier: Band 1, S. 5)
In Frankreich gruppiert sich in diesen Tagen die soziale Bewegung neu.
Ihr Initiationsereignis hatte sie in den Streiks von Dezember 1995. Ihr
Selbstverständnis aber und das der Mehrheit der Franzosen geht in den
Gewändern der Sansculotten und des utopischen egalitären Kommunismus.
(vgl. Jürg Altwegg, Ein Gespenst geht um gegen Europa, Feuilleton der
FAZ vom 20.12.1996)
Kein anderer Name aber steht so für das Ideal einer egalitären
kommunistischen Gesellschaft wie Francois-Noel »Gracchus« Babeuf. Das
Schicksal dieses Mannes bietet dem Jahre 1997 und der Idee der
Gleichheit wieder ein Bicentenaire: Babeuf, der »Märtyrer für die
Gleichheit«, wurde am 27. Mai 1797 hingerichtet. Sein Todestag jährt
sich zum 200. Mal. Seine gescheiterte »Verschwörung für die Gleichheit«
aber steht am Ende der französischen Revolution so gut wie am Anfang
der Bewegung, die über Buonarotti, Blanqui, Marx und Lenin in die
russische Oktoberrevolution von 1917 mündete, und heute wieder,
unbeschädigt vom Scheitern des Realen Sozialismus, in der neuen
sozialen Bewegung nebenan in Frankreich mobilisierend und
identitätsstiftend wirkt.
Francois Babeuf hatte mit Jean Jacques Rousseau gemeinsam, daß sie
anders als die Mehrzahl ihrer Zeitgenossen nicht mehr nur das Ancien
Régime kritisierten, sondern hellsichtig schon die heraufkommende
bürgerliche Gesellschaft, in ihrem Geburtsstadium - vor 1789! Von
Rousseau unterschied ihn die Überzeugung, daß der Egalitarismus auf der
Gleichheit des Besitzes schlecht, weil unvermeidlich nur vorübergehend,
gegründet sein könne, dauernd hingegen und gut aber auf gemeinsamem
Besitz und genossenschaftlicher Arbeit - daraus die Losung
»kommunistischer Egalitarismus«.
Die romantischen Wohlfahrtsausschüßler und Robespierristen von heute
mögen verzeihen, sie wurden schon während der Revolution links
überholt: links gleich kommunistisch. Die Scheidelinie zwischen
bürgerlich-kapitalistischer und proletarisch-kommunistischer Politik
markierte Babeuf, Francois Noel, »Gracchus«.
Die Enragés, die Sektionen, Jacques Roux, sie trieben die
Robespierristen noch vor sich her, Babeuf ließ alle hinter sich. Roux
schlugen sie noch eigenhändig den Kopf ab, die gutwilligen wilden
Bürger des Hügelchens; Babeuf überließen sie ihren Nachfolgern, dem
Direktorium. Ein Club in der Tradition der babeufschen Linken der
Französischen Revolution hieße heute Cordelier, Panthéon oder ähnlich,
nie aber Wohlfahrtsausschuß. Aber das gewissermaßen nur nebenbei.
Babeufs Handlungsanleitungen, Überzeugungen und Thesen finden sich aber
nicht ausschließlich in den Parolen und Parteien der sozialen und
Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts, sondern auch in den
Theorien der klassischen deutschen Philosophie - bis hin zu
verblüffenden wortwörtlichen Übereinstimmungen bei Johann Gottlieb
Fichte (Gleichheit lag in der Luft!), so daß, wer versucht, wie die
Konservativen im Deutschen Reich unserer Tage, die Idee der Gleichheit
in Verruf zu bringen, nicht nur die egalitären Linken auf den Plan
ruft, sondern gleichermaßen alle, die an der Idee der bürgerlichen
Gleichheit festhalten. Das Gespenst, das umgeht in Europa, ist das
Gespenst der Volksfront, von Babeuf bis Bourdieu.
Literatur
- Francois-Noel Gracchus Babeuf, Die Verschwörung für die Gleichheit.
Rede über die Legitimität des Widerstandes, mit Essays von Herbert
Marcuse und Albert Soboul, hrsg. und eingeleitet von John Anthony
Scott, Sammlung Junius Hamburg 1988
- K. und M. Midell, Francois Noel Babeuf. Märtyrer der Gleichheit.
Biographie, Verlag Neues Leben Berlin (DDR) 1988 (mit
Literaturangaben)
- Walter Markov, Babeuf in Deutschland, in: Literaturgeschichte als
geistesgeschichtlicher Auftrag, hrsg. von Werner Bahner, Berlin 1961
- Ilja Ehrenburg (1928), Die Verschwörung der Gleichen. Das Leben des
Gracchus Babeuf. Roman, Verlag Volk und Welt Berlin (DDR) 1959
- Claude Willard, Geschichte der französischen Arbeiterbewegung. Eine
Einführung, hrsg. von H.-G. Haupt und P. Schöttler, Campus Frankfurt am
Main/New York 1981
- W. Seidel-Höppner/J. Höppner, Von Babeuf bis Blanqui. Französischer
Sozialismus und Kommunismus vor Marx, 2 Bde Reclam Leipzig (DDR) 1975
- Jean Touchard, La gauche en France depuis 1900, inédit histoire,
Édition du Seuil 1977
- Jürgen Habermas, Anhang. Literaturbericht zur philosophischen
Diskussion um Marx und den Marxismus, in: Theorie und Praxis.
Sozialphilosophische Studien, Neuwied und Berlin (West) 1971
- programme commun de gouvernement du parti communiste et du parti
socialiste (27 juin 1972), Éditions sociales Paris 1972
- Johannes M. Becker (Hg.), Das französische Experiment. Linksregierung
in Frankreich 1981 bis 1985, Dietz Nachf. Berlin (West) Bonn 1985
- Jürg Altwegg, Ein Gespenst geht um gegen Europa (von der
Wiederbelebung der revolutionären Tradition im allgemeinen und der
Renaissance des Marxismus im besonderen in Frankreich), in: FAZ vom
20.12.1996
- Aufklärung, Zs. TOPOS. Internationale Beiträge zur dialektischen
Theorie, hrsg. von Hans Heinz Holz und Domenico Losurdo, Bielefeld
Bonn, Heft 8, 1996
- Französische Aufklärung. Bürgerliche Emanzipation, Literatur und
Bewußtseinsbildung, Kollektivarbeit unter der Leitung von Winfried
Schröder am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der AdW der DDR,
Reclam Leipzig 1975
- Voltaire, Briefe aus England, hrsg. von Rudolf von Bitter, Diogenes
Zürich 1994
- Tilly Bergner, Voltaire. Leben und Werk eines streitbaren Denkers.
Biografie, Verlag Neues Leben Berlin (DDR) 1976
- V. Volguine, Le développement de la pensée sociale en France au
XVIIIe siècle, Moscou 1973 (für die Vorläufer Rousseau, Meslier,
Morelly u.a.)
- Günter Mensching (Hg.): Das Testament des Abbé Meslier. Suhrkamp
Frankfurt am Main 1976
- Rousseau. Ein Lesebuch für unsere Zeit, hrsg. von Winfried Schröder,
Aufbau Taschenbuch Berlin 1993
- ders., Korrespondenzen. Eine Auswahl, hrsg. von Winfried Schröder,
mit einem Anhang »Dokumente zur Person Rousseaus«, Reclam Leipzig 1992
- ders., Preisschriften und Erziehungsplan, hrsg. von Hermann Röhrs,
Verlag Julius Klinkhardt Bad Heilbrunn/Obb. 1993
- ders., Der Gesellschaftsvertrag, mit einer Einleitung von Werner
Bahner, Röderberg Frankfurt am Main 1978
- ders., Julie oder die neue Héloise. Briefe zweier Liebenden aus
einer kleinen Stadt am Fuße der Alpen, Winkler München 1978
- ders., Emil oder Über die Erziehung, UTB Schöningh Paderborn 1971
- ders., Königin Grille und andere Kleinprosa, hrsg. von Dietrich
Leube, insel Frankfurt am Main 1978
- Rosemarie Ahrbeck, Jean-Jacques Rousseau. Biographie,
Pahl-Rugenstein Köln 1978
- Albert Manfred, Drei Portraits aus der Epoche der Großen
Französischen Revolution (Rousseau, Mirabeau, Robespierre),
Pahl-Rugenstein Köln 1987
- Iring Fetscher, Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des
demokratischen Freiheitsbegriffs, 3. überarbeitete Auflage Luchterhand
Neuwied und Berlin (West) 1978
- Werner Krauss, Essays zur französischen Literatur, Aufbau Verlag
Berlin (DDR) Weimar 1968
- Lion Feuchtwanger, Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des
Jean-Jacques Rousseau. Roman, Aufbau Verlag Berlin (DDR) 1956
- Ludwig Harig (1978), Rousseau. Der Roman vom Ursprung der Natur im
Gehirn, Fischer Frankfurt am Main 1990
- Louis-Sébastien Mercier: Tableau de Paris. Bilder aus dem
vorrevolutionären Paris. Auswahl, Manesse Zürich 1990
- ders., Das Jahr 2440. Ein Traum aller Träume, suhrkamp Frankfurt am
Main 1982
- Manfred Kossok: Revolutionen der Weltgeschichte. Von den Hussiten
bis zur Pariser Commune, Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln Mainz 1989
(copyright by Edition Leipzig 1989)
- IMSF (Hg.), 1789. Die Französische Revolution. Revolutionstheorie
heute, Frankfurt am Main 1989
- Georges Lefebvre: 1789. Das Jahr der Revolution. Mit einem Vorwort
von Claude Mazauric, dtv München 1989
- I.A. Hartig (Hg.): Geburt der bürgerlichen Gesellschaft. 1789, mit
Beiträgen von Labrousse, Lefebvre, Soboul, Dommanget, Vovelle, suhrkamp
Frankfurt am Main 1979
- Michel Vovelle, Die Französische Revolution. Soziale Bewegung und
Umbruch der Mentalitäten, Fischer Frankfurt am Main 1985
- Albert Soboul: Kurze Geschichte der Französischen Revolution, Verlag
Wagenbach Berlin 1996
- ders., Die Große Französische Revolution. Eine bündige Darstellung
ihrer Geschichte (1789 -1799), EVA Frankfurt am Main 1973
- ders., Französische Revolution und Volksbewegung: die Sansculotten.
Die Sektionen von Paris im Jahre II, bearbeitet und hrsg. von Walter
Markov, suhrkamp Frankfurt am Main 1978
- Walter Markov/Albert Soboul: 1789. Die Große Revolution der
Franzosen, Pahl Rugenstein Köln 1977/80
- Walter Markov: Revolution im Zeugenstand. Frankreich 1789 -1799, 2
Bde, Reclam Leipzig (DDR) 1986
- Susanne Petersen: Die große Revolution und die kleinen Leute.
Französischer Alltag 1789/95. Kommentare, Dokumente, Bilder. Mir einem
Geleitwort von Walter Markov, Pahl Rugenstein Köln 1988
- Jacques Roux: Freiheit wird die Welt erobern. Reden und Schriften,
hrsg. von Walter Markov, Reclam Leipzig (DDR) 1985
- Anatole France: Die Götter dürsten, buchclub 65 Berlin (DDR) 1989
- Manfred Buhr, Peter Burg, Jaques D'Hondt u.a., Republik der
Menschheit. Französische Revolution und deutsche Philosophie, Reihe
Studien zur Dialektik, Pahl-Rugenstein Verlag Köln 1989
- Manfred Buhr/Domenico Losurdo, Fichte, die Französische Revolution
und das Ideal vom ewigen Frieden, Akademie Verlag Berlin 1991 (vgl.
bes. Kapitel Babeuf-Motive über die Ähnlichkeit der Ideen von Fichte
und Babeuf)
- Wilhelm G. Jacobs, Johann Gottlieb Fichte, Rowohlt Reinbek bei
Hamburg 1984
- Johann Gottlieb Fichte, Schriften zur Französischen Revolution
(Zurückforderung der Denkfreiheit - und Beitrag zur Berichtigung der
Urteile -, nebst zeitgenöss. Rez.), hrsg. und mit einem Nachwort
versehen von Manfred Buhr, Röderberg Köln 1989
- Johann Gottlieb Fichte, Ausgewählte politische Schriften (Der
geschloßne Handelsstaat, Vorlesungen über die Freimaurerei, Das System
der Rechtslehre), hrsg., eingeleitet und mit einem Nachwort versehen
von Zwi Batscha und Richard Saage, Suhrkamp Frankfurt am Main 1977
- Die Französische Revolution im Spiegel der deutschen Literatur,
hrsg. von Claus Träger, Röderberg Köln 1989
- Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Die Französische Revolution im
deutschen Urteil, hrsg. von Wolfgang von Hippel, dtv-dokumente München
1989 (von Friedrich Klopstock bis Thomas Mann)
- Ludwig Marcuse, Heinrich Heine. Melancholiker, Streiter in Marx,
Epikureer, Diogenes Zürich 1977
- Jost Hermand, Streitobjekt Heine. Ein Forschungsbericht 1945 - 1975,
Fischer Athenäum Frankfurt Main 1978
- Buhr/Hahn/Reichelt u.a., Theoretische Quellen des wissenschaftlichen
Sozialismus. Studien zur klassischen englischen politischen Ökonomie,
zum frühen Sozialismus und Kommunismus und zur klassischen bürgerlichen
Philosophie, Athenäum Frankfurt am Main 1975
- Dietrich E. Franz, Saint-Simon, Fourier, Owen. Sozialutopien des 19.
Jahrhunderts, Pahl-Rugenstein Köln 1988
- Vormarxistischer Sozialismus, hrsg. von Manfred Hahn, Fischer
Athenäum Frankfurt am Main 1974 (darin: V.M. Dalin, Robespierre und
Babeuf)
- Manfred Hahn/Hans Jörg Sandkühler (Hg.), Sozialismus vor Marx.
Studien zur Wissenschaftsgeschichte des Sozialismus, Band 5 (Protokoll
der Verhandlungen des 6. Bremer Symposium Wissenschaftsgeschichte)
Reihe Studien zur Dialektik, Pahl-Rugenstein Köln 1984
- W. Seidel-Höppner/J. Höppner, Theorien des vormarxistischen
Sozialismus und Kommunismus vor Marx, Reihe Studien zur Dialektik,
Pahl-Rugenstein Köln 1987
- Die frühen Sozialisten, hrsg. von Fritz Kool und Werner Krause, 2
Bde, dtv-dokumente Wissenschaftliche Reihe München 1972
- Die Frühsozialisten 1789 -1848, 2 Bde, hrsg. von Michael Vester,
Rowohlt Reinbek bei Hamburg 1970
- Rosemarie Ahrbeck, Morus, Campanella, Bacon. Frühe Utopisten, Urania
Verlag Leipzig - Jena - Berlin 1977
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